Dass auch unter arbeits- und wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten die Verordnung einer Siesta für die AugartenStadt zu begrüßen sei und ökonomisch sinnvoll wäre, belegt Univ.-Doz. Dr. Jörg Flecker mit der Feststellung, dass durch Einhaltung einer Ruhephase nach der Mittagspause das allgemeine Leistungstief vermieden wird. Diese Siesta-Pause wirkt somit produktivitätssteigernd.

 

Arbeits- und wirtschaftsoziologisches Gutachten zur Verordnung 2008/06/03-27/13-16

des Stadtrates zur Verzögerung der Zeit: Nehmen Sie sich Zeit – verbindliche Siesta

im Juni 2008 in der AugartenStadt

 

Univ.-Doz. Dr. Jörg Flecker

 

SIESTA IST PRODUKTIVITÄTSFÖRDERND

 

 

Die verbindliche Siesta in der Zeit von 13 – 16 Uhr wird mit dem Ziel eingeführt, das öffentliche und private Wohlbefinden aufrecht zu erhalten. Die Verantwortung für die Einhaltung der Siesta liegt bei den Bürgerinnen und Bürgern.

 

Die Einführung der Siesta trifft auf wachsenden Bedarf an Ruhe- und Erholungszeiten angesichts des ständig zunehmenden Leistungsdrucks in der Arbeitswelt, der zu einer Beschleunigung und Verdichtung der Arbeit und zu gesundheitlichen Beein­trächtigungen führt. So zeigte der European Working Conditions Survey der Europä­ischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, dass die Arbeits­intensität in den letzten 15 Jahren deutlich angestiegen ist[1]. Arbeit mit sehr hoher Geschwindigkeit trifft dieser Datenquelle zufolge in der EU27 auf fast 60% und Arbeit mit engen Terminvorgaben auf etwas mehr als 60% der Erwerbstätigen zu.

 

Auch haben körperliche Belastungen nicht abgenommen, wie man aufgrund des Strukturwandels und des technischen Fortschritts annehmen könnte. Beispielsweise ist zwischen 1995 und 2005 die Häufigkeit der Belastungen durch repetitive Bewegungen der Hand oder des Arms in den EU15-Ländern von 56% and 61% gestiegen[2]. Entsprechend häufig beeinträchtigt die Arbeit die Gesundheit der Beschäftigten. Im Durchschnitt der EU27 geben das 36%, in Österreich 32% der Erwerbstätigen an.

 

Es besteht in der Literatur Einigkeit darüber, dass Arbeitspausen die Wirkung von Belastungen abschwächen und die Gesundheit fördern. Die Verordnung einer Siesta ist daher als Möglichkeit anzusehen, den zunehmenden Belastungen in der Arbeit entgegen zu wirken und die Beeinträchtigungen der Gesundheit zu mildern. Ein zusätzlicher Nutzen liegt in der Vermeidung von Unfällen, denn das Risiko von Arbeitsunfällen steigt mit der Dauer der Arbeitszeit an und hängt außerdem mit den natürlichen Leistungs­schwankungen im Tagesverlauf zusammen.

 

Für die Fragestellung dieses Gutachtens ist das Leistungstief am frühen Nachmittag entscheidend. Eine Ruhe- und Schlafpause um diese Zeit ist aber nicht nur geeignet, das Wohlbefinden zu verbessern und Arbeitsunfällen vorzubeugen, es erhöht auch die Produktivität. So lassen sich Reaktionsfähigkeit, Denkleistung und Merkfähigkeit, aber auch die Kreativität durch einen Mittagsschlaf erhöhen[3].

 

Die Einführung der Siesta bedeutet aber mehr. Sie betrifft den Kern der industriellen oder kapitalistischen Zeitordnung, die in der historischen Phase der Industrialisierung natürliche zirkuläre Zeitrhythmen durch die lineare Zeit des Betriebs und der Technik ersetzte[4]. Die neue Zeitstruktur und die Verdichtung der Zeit durch Rationalisierung  drängten die Wirkung natürlicher Zeitgeber, wie des Tagesverlaufs, des Mondzyklus oder der Jahreszeiten zurück, an welche die Menschen als natürliche Wesen aber gebunden bleiben. Das Recht auf den Mittagsschlaf oder allgemeiner das Recht auf eigene Zeit oder „Eigenzeit“[5] kann den Menschen die Möglichkeit zurückgeben, im Einklang mit natürlichen Zeitgebern zu handeln und dadurch ihr Wohlbefinden zu erhöhen.

 

Unter arbeits-, gesundheits- und wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten ist die Verordnung einer Siesta für die AugartenStadt also zu begrüßen. Über den unmittelbaren Nutzen hinaus erscheint die Maßnahme geeignet, eine Vorbildwirkung für angrenzende Kommunen und für andere Gebietskörperschaften zu entfalten. Günstig erscheint auch die Form der Einführung, wodurch die Bürgerinnen und Bürger in die Verantwortung genommen werden. Dies bedeutet aber auch, dass für die Umsetzung der Verordnung partizipative Vorgangsweisen und Regelungen etwa durch Kollektiv­verträge angeraten sind, mit denen noch bestehende offene Fragen geklärt werden können. Im Folgenden soll auf einige Punkte kurz eingegangen werden, bei denen m.E. noch Klärungsbedarf besteht.

 

Mittagsschlaf oder Mittagsruhe?

 

Unter dem Begriff Siesta kann eine Mittagsruhe verstanden werden, die für verschiedene Tätigkeiten außerhalb der Arbeit reserviert ist, oder es kann in einer engeren Begriffsbestimmung der Mittagsschlaf gemeint sein. Eine gemeinsame Mittagsruhe kann neben der Erholung auch der Kommunikation dienen. Damit steigert sie nicht nur die Qualität der sozialen Kontakte, welche den Erwerbstätigen an der Arbeit sehr wichtig sind. Sie bietet auch Gelegenheit zu ungeplanter, informeller Kommunikation, die der Effizienz und Innovationsfähigkeit des Unternehmens nützen kann. Wird die Pause dagegen ausschließlich für einen Mittagsschlaf genutzt, wird der gesundheitliche Nutzen höher, aber die Möglichkeit zur Kommunikation naturgemäß sehr eng begrenzt sein.

 

Siesta oder Power Nap?

 

In der Literatur finden sich im Hinblick auf die empfohlene Dauer des Mittagsschlafs unterschiedliche Hinweise. So kann der Mittagsschlaf der Dauer einer Tiefschlafphase von 90 Minuten entsprechen oder aber auf 10 bis maximal 30 Minuten begrenzt sein (power nap - Kraftnickerchen). Letzteres wird in erster Linie zur Produktivitäts­steigerung empfohlen, welche – so die VerfechterInnen - bei einer längeren Schlafdauer durch den Eintritt in eine Tiefschlafphase und der anschließenden Trägheit beeinträchtigt wäre. Das Kraftnickerchen bietet sich also als systemkonforme Auszeit oder sozusagen als beschleunigte Entschleunigung an, die ihre Verbundenheit mit der protestantischen Arbeitsethik nicht verbergen kann. Dieser geht es ja, wie Max Weber beschrieben hat, um Gottgefälligkeit durch Vermeidung von Müßiggang und die umfassende Nutzung der Zeit für Arbeit[6], weshalb auch Erholungszeiten möglichst kurz zu halten wären.

 

Soziale Einbettung und Work-Life-Balance

 

Der sozialen Einbettung der Siesta ist – insbesondere bei einer Verallgemeinerung über die AugartenStadt hinaus – wegen der damit verbundenen tiefgreifenden Veränderung der gesellschaftlichen Zeitmuster besonderes Augenmerk zu schenken. Obwohl die Vorteile insbesondere in gesundheitlicher Hinsicht auf der Hand liegen, steht die Verordnung nicht notwendigerweise im Einklang mit den subjektiven Interessen der Erwerbstätigen. Bleibt die Dauer der Arbeitszeit unberührt und wird die Siesta als unbezahlte Pause organisiert, so verlängert sich mit ihrer Einführung der Arbeitstag mit allen Nachteilen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und für Pendler­Innen. Um die Nachteile eines geteilten Dienstes zu vermeiden, ist die Durchführung der Siesta innerhalb der bezahlten Arbeitszeit oder aber eine drastische Verkürzung der täglichen Arbeitszeit erforderlich. In beiden Fällen könnte die Arbeit entweder mit der Siesta beginnen oder mit ihr enden.

 

Verteilungspolitische Aspekte

 

Nicht nur eine etwaige Verkürzung der Arbeitszeit, sondern auch die produktivitäts­steigernden Wirkungen werfen Verteilungsfragen auf: Wem fällt der Produktivitäts­gewinn zu, wenn die Arbeit in der Phase des täglichen Leistungstief unterbrochen und entsprechend auf die Phasen höchster Leistungsfähigkeit verteilt wird? Hier sind die Sozialpartner gefordert, an der Umsetzung einer neuen Zeitordnung mitzuwirken und im Rahmen der Kollektivvertragsverhandlungen verteilungspolitische Lösungen zu erarbeiten, die sowohl sozialen als auch volkswirtschaftlichen Zielsetzungen Rechnung tragen.

 

 

 

 

 

 



[1] European Working Conditions Surveys (EWCS):
http://www.eurofound.europa.eu/docs/ewco/4EWCS/ef0698/chapter5.pdf

[2] Nathalie Greenan et al. (2007): The transformation of work, Trends in work organisation, WORKS project report D 9.2.2, Leuven

 

[3] Pierre Maquet, Philippe Peigneux, Steven Laureys & Carlyle Smith (2002): Be caught napping: you're doing more than resting your eyes; in: Nature Neuroscience  5, 618 – 619

[4] Jürgen Rinderspacher (2000): Auf dem Weg in bessere Zeiten? Modernisierung zwischen Zeitsouveränität und Marktanpassung; in: Hildebrandt, E. (Hg.), in Zusammenarbeit mit Gudrun Linne, Reflexive Lebensführung. Zu den sozioökologischen Folgen flexibler Arbeit, edition sigma, Berlin

[5] Ulrich Mückenberger (2004): Neue lokale Governance und Recht auf eigene Zeit. In: DIFU (Hrsg.):
Stadt 2030. Bd. IV

 

[6] Max Weber (1934): Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Tübingen: J.C.B. Mohr