3. Bezirk, Landstraße
Im Zuge der Eingemeindung der Wiener Vororte am 6. März 1850 wurden die Vorstädte Landstraße, Erdberg und Weißgerber zum 3. Wiener Gemeindebezirk "Landstraße" zusammengefasst.
Böhmische Landstraße
Die Vorstadt Landstraße entwickelte sich aus einer Niederlassung, die sich um das ehemalige Frauenkloster St. Nikolai vor dem Stubentor, beim heutigen Rochusmarkt gebildet hatte. Um 1200 wird der Ort als "Niklasvorstadt" urkundlich erwähnt. Aber schon 1302 taucht der Name "Landstraße" in den Urkunden auf. Der Name bezeichnete die vom Stubentor auswärts in Richtung Ungarn führende Land- und Heeresstraße, die in ihrem Verlauf auf eine römische Limesstraße zurückgeht.
Wohin mit der Pest? Das Siechenhaus in St. Marx
Infolge der Kreuzzüge kam es in Wien immer öfter zum Ausbruch von Pest und Aussatz. Eine der ältesten Einrichtungen des Vorortes war daher ein "Siechenhaus" unter der Leitung des Lazarusordens, das ursprünglich St. Lazar hieß. 1370 wurde die Spitalskapelle dem heiligen Markus (St. Marx) geweiht, ab 1394 wurde das Siechenhaus "Bürgerspital zu St. Marx" genannt. Bis 1784 blieb das Bürgerspital erhalten, danach wurde es zum Armenhaus. Im 19. Jahrhundert erwarb der Bierbrauer Adolf Mautner das ehemalige Spitalsgebäude und wandelte es in eine Bierbrauerei um, die sich schon bald zu einer der größten Brauereien entwickelte. Als man die Biererzeugung in Schwechat zentralisierte, wurde die Brauerei St. Marx aufgelassen.
Starke Entwicklung von Gewerbe und Industrie im 19. Jahrhundert
Wie viele andere Vorstädte litt auch der Ort Landstraße unter den Verheerungen der Türken. 1529 wurde der Vorort verwüstet und das Nikolaikloster zerstört. 1642 begann man mit dem Bau der Kirche "Zu den Heiligen Rochus und Sebastian" (Rochuskirche), dem einzigen Bauwerk der Landstraße, das die zweite Türkenbelagerung 1683 überstand. Ab 1690 erfolgte ein rascher Wiederaufbau, der das Aussehen der "Landstraße" schlagartig verändern sollte. Adel und reiches Bürgertum strömten aus der Stadt und errichteten zahlreiche Sommerpaläste, darunter das Belvedere und das Palais Schwarzenberg. Aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammen das von der Erzherzogin Maria Beatrix von Modena-Este in der heutigen Beatrixgasse errichtete Palais Modena sowie das Palais Metternich, die heutige italienische Botschaft. Gewerbe und Industrie entwickelten sich in der Vorstadt Landstraße viel stärker als in den umliegenden Orten. So gab es eine Zuckerraffinerie sowie Tuch-, Spiegel- und Klavierfabriken und Buchdruckereien.
Gemüse aus Erdberg versorgt die Stadt bis ins 18. Jahrhundert
Die frühere Vorstadt Erdberg gehört zu den ältesten Ansiedlungen im Wiener Raum. 1192 wird der Ort als "Ertpurch" erstmals erwähnt, und zwar im Zusammenhang mit der Gefangennahme des englischen Königs Richard I. Löwenherz (1192). Der Name Erdberg leitet sich von einem Ringwall (einer Art Befestigung) ab, dessen Ursprünge bis ins Frühmittelalter zurückreichen. Zu den ältesten Objekten Erdbergs gehörte der sogenannte "Rüdenhof", in dem über lange Zeit die Hofjäger und Jagdhunde des Landesfürsten untergebracht waren. Herzog Albrecht II. gab dem Dorf Erdberg eine Verfassung und ein Grundbuch: Erdberg war damit landesfürstliches Eigentum. Aufgrund der Türkeneinfälle entwickelte sich Erdberg nur sehr langsam. 1782 wurde der Ort Erdberg von Franz Josef Freiherrn von Hagenmüller erworben, 1809 ging er an Josef Fürst Lobkowitz, ein Jahr später an die Stadt Wien. Von da an war Erdberg bis zu seiner Eingemeindung im Jahre 1850 in den 3. Wiener Gemeindebezirk eine eigene Vorstadtgemeinde. Seit dem Mittelalter war Erdberg immer mehr zu einer Gärtnersiedlung geworden, der Gemüseanbau wurde für Jahrhunderte die Haupterwerbsquelle seiner Bewohner. Bis ins 19. Jahrhundert blieb der Vorort ein wichtiger Faktor in der Versorgung der Stadt Wien. Mit der Eingemeindung in die Stadt Wien veränderte sich das Aussehen der ehemaligen Vorstadt grundlegend. In der Ersten Republik wurden der "Rabenhof" und der "Hanuschhof" errichtet, nach dem Zweiten Weltkrieg wurden weitere Flächen für weiträumige Projekte freigemacht.
Der Gestank der „Weißgerber“
Die Vorstadt Weißgerber blickt auf eine wesentlich jüngere Geschichte zurück als die umliegenden Vororte. Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Ort als "Unter den Weißgerbern" im 16. Jahrhundert. Er entstand im Rückstaugebiet des Wienflusses und beherbergte Flecksieder, Lederer, Rot- und Weißgerber, die sich außerhalb der Stadt Wien ansiedeln mussten, da ihr Handwerk mit einer starken Geruchsbelästigung verbunden war. Über die Jahrhunderte machte der Ort nur wenig von sich reden, jedoch beherbergte er zwei wichtige Orte.
Massenvernichtungen auf der Gänseweide
Die "Gänseweide" am Rand der Ortschaft war eine der Hinrichtungsstätten des alten Wien: Hier stand der Scheiterhaufen. Die Gänseweide war aber auch Schauplatz eines grausamen Judenpogroms. König Albrecht V. vertrieb 1421 die Angehörigen der jüdischen Gemeinde Wiens. Während ärmeren Juden die Ausreise unter Umständen gestattet wurde, zwang man die Vermögenden unter Anwendung der Folter zur Herausgabe ihres Vermögens. Die Überlebenden 90 Männer und 120 Frauen wurden am 12. März 1421 auf der Gänseweide öffentlich verbrannt. Nachdem im Jahr 1733 die Hinrichtungsart des Verbrennens abgeschafft worden war, diente die Gänseweide als Exekutionsstätte des Militärs. 1862 erhielt sie den Namen Weißgerberlände und wurde verbaut.
Keine Hetz mehr nach 1796
Eine zweite fragwürdige Attraktion der Vorstadt war das Hetztheater, ein 3000 Personen fassendes hölzernes Amphitheater mit 3 Galerien, das 1755 errichtet wurde. In dem Theater wurden Löwen, Tiger, Bären, Wölfe und Wildschweine von Menschen oder Hunden zu Tode gejagt. Nachdem das Theater 1796 abbrannte, wurde der Wiederaufbau untersagt. Die Wiener Redensart "Des woar a Hetz!" (= "Das war ein Spaß!") erinnert noch heute an das Hetztheater. Im neuen Bezirk Landstraße kam es schon relativ früh zur Ausbildung des so genannten "Botschaftsviertels", und zwar rund um die heutige Reisnerstraße. Heute befinden sich in dieser Gegend des Bezirks nicht weniger als 19 Botschaften.
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